Sexueller Missbrauch von Kindern (Kindesmissbrauch) - § 176 StGB –

§ 176 StGB – Sexueller Missbrauch von Kindern (Kindesmissbrauch)

Von Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht Joachim Lauenburg - Strafverteidiger, Hamburg
 

1. Bedeutung, Reichweite, Rechtsgut des § 176 StGB

§ 176 StGB ist die wichtigste und umfassendste Strafnorm gegen Kindesmissbrauch. Gemäß § 176 StGB werden sexueller Handlungen mit Kindern im weitesten Zusammenhang unter Strafe gestellt.
Die Norm soll die Integrität der freien sexuellen Entwicklung und Fähigkeit zur sexuellen Entfaltung und Selbstbestimmung der Kinder schützen. Der Gesetzgeber möchte Beeinträchtigungen der Gesamtentwicklung von Kindern durch sexuelle Handlungen von über 13-Jährigen unterbinden. Diese sind ausnahmslos verboten.
Es handelt sich um ein abstraktes Gefährdungsdelikt, welches schon die Möglichkeit der Rechtsgutverletzung unter Strafe stellt, d.h. die sexuelle Selbstbestimmungsfähigkeit des Kindes muss altersentsprechend nicht einmal vorhanden sein, sondern deren zukünftige Entwicklung gefährdet sein, ohne dass der Rechtsgutträger, das Kind, etwas davon ahnt.
 

2. Verlängerte Verjährungsfristen

Die Verjährung wurde auf 20 Jahren nach Vollendung des 21. Lebensjahres erstreckt. Die zivilrechtlichen Ansprüche (Schmerzensgeld) verjähren künftig erst nach 30 Jahren.
Diese Regelung soll dem zum Tatzeitpunkt minderjährigen Opfer, das durch den Missbrauch traumatisiert ist und daher möglicherweise erst Jahrzehnte später sich in der Lage sieht, sich dem begangenen Verbrechen zu stellen, ermöglichen, ihre Ansprüche durchzusetzen.
 

3. Kindesmissbrauch: Welche Tatbestände werden erfasst?

Tatbestandsvoraussetzungen des Kindesmissbrauchs durch sexuelle Handlungen – § 176 Abs. 1, Abs. 2 StGB
 

3.1 Tatbestand gemäß § 176 Abs. 1 StGB

§ 176 Abs. 1 StGB setzt voraus, dass der Täter vorsätzlich sexuelle Handlungen an einem Kind vornimmt oder von dem Kind an sich vornehmen lässt.
 
Kindesmissbrauch sind alle sexuellen Handlungen an und mit Kindern. Sexuelle Handlungen sind alle körperlichen Berührungen, die nicht altersgemäße oder situationsgemäße Handlungen sind und darauf abzielen sich oder einen Dritten sexuell zu erregen. Eine Einwilligung des Kindes ist ausnahmslos unwirksam.
 
Neutrale gegebenenfalls auch strafbare Handlungen, denen nur der Täter sexuelle Bedeutung zumisst, reichen nicht aus. Die Strafbarkeit ist ausgeschlossen, etwa weil das Kind die sexuelle Bedeutung des Vorgangs nicht versteht und diesen nicht einmal wahrnimmt.
 
Kind ist jede Person unter 14 Jahren. Täter kann jede Person sein.
 
Der Tatbestand des § 176 Abs. 1 StGB auch erfüllt, wenn die sexuellen Handlungen an schlafenden Kindern vorgenommen werden, welche dies nicht bewusst wahrnehmen. Die sexuelle Integrität des Kindes soll in jeder Hinsicht geschützt werden.
 

3.2 Tatbestand gemäß § 176 Abs. 2 StGB 

Nach dem Tatbestand des sexuellen Missbrauchs gemäß § 176 Abs. 2 StGB muss der Täter ein Kind dazu bestimmen, sexuelle Handlungen vorzunehmen. Bestimmen bedeutet, dass eine Willensbeeinflussung nicht erforderlich ist. Ein einfaches Verursachen der sexuellen Kontakte ist hier bereits ausreichend. Dies kann durch Versprechen, Zwang, Drohung, Täuschung, Belohnung oder Wecken von Neugier geschehen. Das Bestimmen muss unmittelbar zwischen Täter und Opfer geschehen sein. Die sexuellen Handlungen müssen zwischen Opfer und Täter oder Opfer und einem Dritten vorgenommen werden.
 

3.4 Tatbestand des sexuellen Missbrauchs von Kindern gemäß § 176 IV, V StGB

Die § 176 IV, V StGB beschreiben vorsätzliche Tathandlungen, bei denen es nicht unmittelbar zum Körperkontakt des Täters mit dem Kind kommt.
 
§ 176 IV StGB setzt dabei im Einzelnen voraus:
 

3.4.1. Nr. 1 –  Sexuelle Handlungen vor einem Kind:

Das sind sexuelle Handlungen, die der Täter an sich selbst oder an einem Dritten vornimmt.
 
Auch ist zur Erfüllung des Tatbestands keine körperliche Nähe notwendig, denn der Tatbestand ist auch erfüllt, wenn ein Kind über das Internet übermittelte sexuelle Handlungen des Täters zeitgleich am Bildschirm betrachtet.  Für den Täter muss die Wahrnehmung durch das Kind handlungsbestimmend sein. Eine gelegentliche sexuelle Handlung in Anwesenheit eines Kindes, bei der dem Täter die Anwesenheit gleichgültig ist, d.h. die sexuellen Handlung ohne subjektiven Bezug auf die Anwesenheit des Kindes vorgenommen werden, reicht nicht aus, wohl aber für eine Strafbarkeit wegen Exhibitionismus.
 

3.4.2. Nr. 2 – Bestimmen eines Kindes zur Vornahme sexueller Handlungen:

Gemäß § 176 Abs. 1 Nr. 2 StGB werden alle sexuellen Handlungen jeder Art z.B. zur Herstellung von Kinderpornografie, die das Kind auf Veranlassung durch den Täter vornimmt, erfasst. Danach ist das Kind diejenige Person, die sexuelle Handlungen vornimmt, unabhängig von ihrer eigenen Vorstellung. Hierunter fallen etwa auch sexuelle Posen des Kindes, die vom Täter fotografiert werden, obwohl dabei kein unmittelbarer körperlicher Kontakt stattfindet. Ohne Handlungskomponente werden z.B. der Erwerb von Kinderpornografie von § 184 b StGB erfasst.
 
Das Kind muss den sexuellen Charakter der Handlungen nicht erkennen. Nicht erfasst werden dagegen wie schon oben dargestellt, objektiv nicht sexualbezogene Handlungen, die nur vom Täter als solche betrachtet werden (z.B. nackt baden, Handstand machen, in Unterwäsche die Beine spreizen, Spreizen der Beine unter Entblößung des Geschlechtsteils, wenn kein Posieren vorliegt, also das in den Vordergrund stellen der sexuellen Bedeutung etwa durch unnatürliche Körperhaltungen). Auch hier werden die akustische und visuelle Aufnahme durch den Täter erfasst. Eine räumliche Nähe ist nicht erforderlich. Der Tatbestand erfasst auch sexuelle Handlungen des Kindes auf Veranlassung des Täters, die weder dieser noch irgendeine Person wahrnimmt oder aufgezeichnet wird, wenn diese dazu dient, dass sich der Täter an der Vorstellung oder dem Gespräch darüber sexuell erregt. Ausgenommen sind sozialadäquate Handlungsweisen.
 

3.4.3. Nr. 3 – Einwirken auf ein Kind durch Schriften zur Veranlassung sexueller Handlungen:

Bestraft werden Handlungen, dass Kind zu sexuellen Handlungen an oder vor dem Täter oder einem Dritten oder zur Duldung sexueller Handlungen durch mediale Einwirkung (Zeitschriften, Internet, Chat-Room, Soziale Netzwerke) zu bringen Diese Vorschrift trägt dem Trend Rechnung, dass Täter Kinder im Internet in Chatrooms kennenlernen und diese zu einem Treffen im realen Leben veranlassen. Bereits solche Anbahnungshandlungen stehen daher unter Strafe. Unter den tatbestandlichen Begriff der “Schriften” fällt auch jede Art der Kommunikation im Internet, wenngleich diese auch keinerlei Sexualbezug aufweisen muss. Gesetzeslücke: Die Vorbereitung und der Versuch der Verabredung mit dem Kinde zum Zwecke des Einwirkens, es zu sexuellen Handlungen an oder vor dem Täter oder einem Dritten oder zur Duldung sexueller Handlungen zu bringen,  ist strafbar, während die Verabredung unter Anwesenden bisher straflos ist.
 

3.4.4. Nr. 4 – Einwirken auf ein Kind durch pornografische Abbildungen, Tonträger oder Reden:

Dies ist mit der Nr. 3 zu vergleichen. Hier ist missbräuchliches Handeln von sozial adäquaten pädagogischen oder aufklärenden Handeln abzugrenzen.
 

3.5. § 176 V StGB stellt folgende Handlungsvarianten unter Strafe:

3.5.1. Var. 1 – Anbieten/ Var. 2 Versprechen eines Kindes zum Missbrauch:

Hierfür muss vom Täter ein bestimmtes Kind für kindesmissbräuchliche Zwecke angeboten werden oder das Bemühen um einen Nachweis eines bestimmten Kindes angezeigt werden. Anbieten bedeutet dabei, dass der Täter willens und in der Lage ist, ein Kind für einen sexuellen Missbrauch zur Verfügung zu stellen. In der strafrechtlich ist es dabei unerheblich, ob es sich dabei um kein ernsthaftes Angebot, also nicht um die Wahrheit handelt oder ob es tatsächlich zum Angebot eines Kindes kommt, es sein denn es ist ein rein fiktives Versprechen zwischen Eingeweihten.
 

3.5.2. Var. 3 – Verabreden zum Kindesmissbrauch:

Diese Variante stellt den Versuch der Beteiligung am Kindesmissbrauch entsprechend des § 30 II StGB unter Strafe.
 

4. Rechtsfolgen der Tatbestandsverwirklichung des Kindesmissbrauchs

Der sexuelle Missbrauch von Kindern gem. § 176 Abs. 1, Abs. 2 StGB wird nach dem Strafgesetzbuch mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft. Bei Verwirklichung eines besonders schweren Falls des § 176 StGB ist Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr die Folge. Die in § 176 Abs. 4, Abs. 5 StGB aufgeführten Fällen liegt das Strafmaß zwischen drei Monaten und fünf Jahren Freiheitsstrafe.
 
Der Versuch des Kindesmissbrauchs ist gemäß § 176 Abs. 3, Abs. 4 StGB ebenfalls unter Strafe gestellt.
 
Wie sich die Strafe im konkreten Straffall darstellt, kann jedoch nicht einmal genau von einem Rechtsanwalt vorhergesagt werden, da sich das konkrete Strafmaß am Einzelfall orientiert und weitere Faktoren, z.B. Vorstrafen, Vor- und Nachtatverhalten zu berücksichtigen sind.
 

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5. Opferhilfe, Verhaltenshinweise, Nebenklagevertretung und Strafverteidigung – Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht Joachim Lauenburg aus Hamburg 

Sowohl bei Aufkommenden Anschuldigungen des Kindesmissbrauchs, als auch für Opfer solcher sexuellen Missbrauchstaten ist die Beratung durch einen im Sexualstrafrecht erfahrenen Rechtsanwalt bzw. Strafverteidiger zu empfehlen. Gerade das öffentliche Interesse an Kindesmissbrauchsfällen und die erheblichen, damit verbundenen persönlichen Folgen für alle Betroffenen, machen eine spezielle sowie verständnisvolle anwaltliche Beratung unbedingt notwendig.
 

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